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Weihnachtsbäume und Tannenbaumschlagen in Hamburg

Weihnachtsbäume

Das Landhaus Scherrer verwandelt unsere Kartoffeln in Köstlichkeiten



Klassiker neu entdeckt

 

Die Kartoffel gehört zu den Grundnahrungsmitteln. Doch auf dem Teller muss sie nicht immer gemust oder gebraten sein - und es muss nicht immer die ewig gleiche Knolle sein

- Von Britta Stahlberg -

 

Sie m√ľssen gar nicht Linda, Vitelotte oder Sieglinde hei√üen. Pink Fire Apple, Red Duke of York, Bamberger H√∂rnchen oder Highland Burgundy Red klingt doch auch gut - vielleicht nur etwas ungewohnt. Oder wer h√§tte bei diesen eher kosmopolit-exotischen Namen gleich an den guten alten Erdapfel gedacht, der meist nur unter den oben erw√§hnten l√§ndlich-bodenst√§ndigen Frauennamen in aller Munde ist? Und auf unser aller Tellern.

Doch wie sind die kleinen Knollen dorthin gekommen? Die Kartoffel (Solanum tuberosum) ist mit einer weltweiten j√§hrlichen Ernte von 300 Millionen Tonnen eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel, in Mitteleuropa sogar Hauptgrundnahrungsmittel. Ihren Ursprung hat die Knolle wohl auf der patagonischen Insel Chiloe: Dort wurden die √§ltesten Spuren der Wildkartoffel gefunden, man sch√§tzt ihr Alter auf 13 000 Jahre vor Christus. Die Speisekartoffel stammt aus den s√ľdamerikanischen Anden. Dort lernten die Spanier in der ersten H√§lfte des 16. Jahrhunderts von den Inka das Gem√ľse "Papa" ("die Knolle") kennen. In Europa angekommen, wurde sie schlie√ülich "Patata" genannt - der englische Name "potatoes" oder der franz√∂sische Spitzname "patate" erinnern noch heute daran, ebenso die alte deutsche Bezeichnung "Batate" f√ľr die S√ľ√ükartoffel.

Doch in Europa hatte man f√ľr die Kartoffel lange Zeit gar nicht den Platz auf der Speisekarte im Kopf: Hierher wurde sie zuerst wegen der sch√∂nen Bl√ľte und des √ľppigen Laubes als reine Zierpflanze importiert und als seltene Pflanze in botanische G√§rten aufgenommen. In Deutschland pflanzte der Arzt und Botaniker Carolus Clusius (1589) die ersten Kartoffeln an. Heute ist Deutschland innerhalb der EU mengenm√§√üig der gr√∂√üte Kartoffelanbauer. Jeder Deutsche verbraucht durchschnittlich etwa 70 Kilogramm pro Jahr.

Und da w√§ren wir wieder bei Linda und den anderen handels√ľblichen Sorten. Dabei lohnt es sich sehr, das Repertoire der Speisekartoffeln zu erweitern. Findet auch Ulrike Cohrs vom familienbetriebenen Hof "Wilkenshoff" s√ľdwestlich von Hamburg in Hollenstedt/Ochtmannsbruch. Die 31-j√§hrige Landwirtin, die den Biohof in 13. Generation bewirtschaftet, hat sich der alten Kartoffelsorten angenommen. "Um die Geschm√§cker und die Vielfalt zu erhalten", sagt sie. Darum geht es ihr. "Es geht uns und unseren Kindern so viel verloren, wenn wir uns auf die wenigen g√§ngigen Sorten beschr√§nken."

Neun verschiedene Sorten baut sie auf ihrem Hof an, darunter auch die Bamberger Hörnchen und die Mandelhörnchen. "Die Bamberger sind mir die liebsten", sagt die Landwirtin. "Am besten schmecken sie einfach längs halbiert, mit etwas Olivenöl und Rosmarin im Ofen zubereitet." Dreieinhalb Hektar Kartoffelacker bestellt sie jetzt während der Erntezeit, die von Anfang September bis Mitte Oktober andauert. Auf einem halben Hektar der Fläche stehen die alten Sorten: Sie sind nicht so ertragreich wie etwa die Linda, die immer noch "am besten geht". Zudem sind die alten Sorten teurer - etwa um das Doppelte. Dies ist auch ein Grund, warum sich so wenige Landwirte finden, die dieser "Liebhaber-Leidenschaft" nachgehen.

Aber Absatz finden die exotisch klingenden Kartoffeln nat√ľrlich - auch in Hamburger Restaurants. Wie im "Landhaus Scherrer". Heinz O. Wehmann nutzt die besonderen Kartoffelsorten von Ulrike Cohrs f√ľr Kreationen wie "Kartoffelvinaigrette mit gebratenem Kabeljau, Balsamico Senf und blauen Kartoffel Chips". Es m√ľssen eben nicht immer nur Bratkartoffeln oder Kartoffelmus sein. Auch im "Fuh" Restaurant in der Fischers Allee gibt es die "alten Sorten" auf der Karte, im "Wachtelhof" in Rotheburg oder im Hotel "Altes Land" in Jork. Dort finden sich die Erd√§pfel auf der Karte sogar unter der Rubrik "Vergessene Gen√ľsse".

Doch dass diese Sorten nicht in Vergessenheit geraten, daf√ľr sorgt unter anderen Ulrike Cohrs. Gemeinsam mit Eckhart Brandt, der sich in Gro√üenw√∂rden der alten Obstsorten angenommen hat, pflegt sie die alten Pflanzg√ľter. Vor zwei Jahren haben sie einen Verein gegr√ľndet. "Boomgarden" - im Kampf gegen die regionale Sortenarmut sozusagen. Auch Bio-Landwirt Karsten Ellenberg bei L√ľneburg k√§mpft f√ľr die Knolle. Sie alle stehen in engem Kontakt.

Zweimal in der Woche machen sich die Knollen von Ulrike Cohrs auf nach Hamburg. Donnerstags nimmt Eckart Brandt ihre Kartoffeln mit und verkauft sie an seinem Stand am Schulterblatt, Ecke Sternschanze (13 bis 18.30 Uhr). Und am Freitag gibt es die fast vergessenen Sorten auf dem √Ėkowochenmarkt in Nienstedten (9 bis 12.30 Uhr). Eine Sorte hei√üt √ľbrigens "Ackersegen" - und genau das sind die k√∂stlichen Knollen auch.

 

Welt am Sonntag

erschienen am 10. September 2006

Von Britta Stahlberg