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Weihnachtsbäume und Tannenbaumschlagen in Hamburg

Weihnachtsbäume


Spielen, wo der Rhabarber wächst.

Eine Landwirtin und eine Erzieherin haben auf einem Bauernhof

zusammen einen Kindergarten gegründet.

 

Von Julia Nolte | 14. Juli 2011 | ZEIT ONLINE

 

Bist du wahnsinnig? Die Kinder zwischen den Maschinen?!« So etwas hatte Ulrike Cohrs

von Bekannten zu hören bekommen, wenn sie äußerte, dass sie auf ihrem Bauernhof einen

Kindergarten eröffnen wolle. Inzwischen gibt es ihn seit gut zwei Jahren, und Bedenken

hört sie keine mehr. Im Gegenteil: Der Bauernhofkindergarten Wilkenshoff in Hollenstedt,

in der Nähe von Hamburg gelegen, wird beim Landesamt für Geoinformation und

Landentwicklung Niedersachsen (LGLN) als besonders gelungenes Beispiel bezeichnet,

wenn es um die neue Nutzung landwirtschaftlicher Gebäude geht.

»Die alten Höfe sind oft zu groß für das, was heute an Landwirtschaft übrig ist«, sagt Iris

Geisler-Berneis vom LGLN Lüneburg. »Frau Cohrs macht vor, wie man die Gebäude

trotzdem mit Leben füllen kann.« Um ähnliche Vorhaben zu fördern, stellt Niedersachsen

zusätzliche Gelder bereit, dieses Jahr 4,2 Millionen Euro aus nationalen und EUMitteln.

Jedes Projekt wird mit bis zu 75.000 Euro gefördert. So bekommen Bauern

die Möglichkeit, leer stehende Gebäude so umzubauen, dass sie ihnen zusätzlich zur

Landwirtschaft Geld einbringen. Gleichzeitig sollen auf diese Weise historische Gebäude

erhalten und Arbeitsplätze geschaffen werden, damit die Dörfer nicht verfallen. Ähnliche

Programme gibt es auch in den anderen Bundesländern. Im Rahmen der Umnutzung oder

»Diversifizierung« – der Entwicklung weiterer Betriebszweige – entstehen in Ställen und

Scheunen dann Ferienwohnungen, Reithallen, Ateliers – und vereinzelt auch Kindergärten.

Ungefähr 15 Bauernhofkindergärten gibt es deutschlandweit.

 

Es ist kurz nach acht Uhr morgens. In Gummistiefeln, Jeans und Fliesjacke betritt Ulrike

Cohrs den Stall. Sie gibt ihren Kühen Heu, das sie von einem großen Rundballen löst.

Dann ergreift sie eine Mistgabel, klettert durch das Gatter zu den Tieren und beginnt mit

energischen Bewegungen, Stroh auf dem Boden zu verteilen. »Ich kenne sie und sie kennen

mich«, sagt die 36 Jahre alte Landwirtin über ihre Mutterkühe der Rasse Charolais. Sie

haben weißes, lockiges Fell. »Aber den Bullen habe ich immer im Blick. Man weiß nie, wie

er drauf ist.«

Sie führt den Hof in der 13. Generation. Sieben Frauen haben ihn in den mindestens 360

Jahren seines Bestehens übernommen, zuletzt die Großmutter von Ulrike Cohrs. Diese, als

achte Hofherrin, hat den Betrieb auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. Dazu gehören

70 Hektar Acker- und Grünland, 25 Hektar Wald, ein Fischteich, Birnen- und Apfelbäume,

ein großer Gemüsegarten, Schweine, Pferde und Hühner. Den Winter nutzt sie dazu, eine

Halle für die Pferde zu bauen. »Es kostet sehr viel Kraft, so vielseitig zu sein, weil man

auch viel zu bedenken hat«, sagt Ulrike Cohrs.

Der Kindergarten sei ihr eine Herzensangelegenheit, nicht nur weil sie so eine Betreuung

für ihre eigene Tochter habe. Sie wolle auch anderen Kindern ein Aufwachsen auf dem

Bauernhof ermöglichen: »Hier nehmen sie eine Grundlage an natürlichem Verhalten mit,

an Umgang mit Tieren und Pflanzen. Computer und Gameboy kommen früh genug.«

Außerdem erfreue es sie einfach, wie die Kinder den Hof belebten.

»Muuuuuhhh!« Laut rufend, stürmen 15 Kindergartenkinder in den Kuhstall. »Nicht so

laut, die Tiere erschrecken sich«, mahnt Karin Toma, die Leiterin des Kindergartens. Dann,

ruhiger und behutsam, nehmen die Kinder die Arme voll Heu und füttern die Kühe zum

zweiten Mal. »Die ist aber lieb«, sagt ein Mädchen, dem eine Kuh aus der Hand frisst. Die

Kinder sind zwischen drei und sechs Jahre alt und erst so groß, dass sie mit den Kühen auf

Augenhöhe stehen. Für sie ist der Stall ein Abenteuerspielplatz. Nach der Fütterung klettern

sie auf die Rundballen und toben in den Gängen und Höhlen im Heu. Als es Zeit für ihr

Frühstück ist, stellen sich die Kinder in Zweierreihen neben das Stallgebäude. Ulrike Cohrs

rangiert gerade mit dem Trecker. Als der Weg frei ist, schaut Karin Toma hörbar nach

»links, rechts, links« und führt die Gruppe über die Dorfstraße hinüber zum Bauernhaus:

»Unsere einzige Möglichkeit, hier Verkehrserziehung zu machen.«

Um Raum für den Kindergarten zu schaffen, wurde das alte Wohnhaus der Familie Cohrs

umgebaut. Ulrike Cohrs lebt schon seit Längerem mit Tochter und Mann im kleineren

Häuslingshaus nebenan; ihre Eltern haben sich ein Altenteil gebaut und sind aus dem

Haupthaus ausgezogen. »Das ist der Lauf der Dinge, und es ist nun auch gut«, sagt

die Mutter von Ulrike Cohrs, während sie vor ihrem ehemaligen Zuhause etwas Laub

zusammenharkt. In dem Fachwerkhaus aus weißen Balken und hellrotem Klinker sei ihr

inzwischen 82 Jahre alter Mann geboren worden. Und die Haustür sei noch das Original

von 1882.

BERUF

3

In dieser Umgebung erfahren die Kinder zwar nichts über die Bedeutung von Ampeln

und Zebrastreifen, dafür lernen sie zu kochen, den Tisch zu decken, die Eier aus dem

Hühnerstall zu holen und sie zu zählen. Sie erfahren, woher das Fleisch kommt, das sie

essen, und wie man Kartoffeln erntet. Wo Rhabarber wächst und wie sich ein Bad in

frisch gedroschenem Korn anfühlt. »Die Kinder sollen den Ursprung kennenlernen und

Sinneseindrücke sammeln«, sagt Karin Toma. Die 36 Jahre alte Kindergärtnerin studierte

zunächst ökologische Agrarwissenschaften an der Universität Kassel in Witzenhausen.

Dabei lernte sie Ulrike Cohrs kennen, die dort ein Jahr als Gasthörerin studierte, bevor sie

den Hof auf Öko-Bewirtschaftung umstellte. In dieser Zeit zogen die beiden zufällig in eine

WG. »Wir haben gesagt, wenn wir groß sind, machen wir ein soziales Projekt auf Ulrikes

Hof«, sagt Karin Toma. Und das wurde acht Jahre später der Bauernhofkindergarten. Die

beiden hatten eine ähnliche Einrichtung bei Plön gesehen und beschlossen: »Das machen

wir auch!«

In ihrer Diplomarbeit plante Karin Toma die Umsetzung des Kindergartens, anschließend

studierte sie noch Sozialpädagogik, um ihn später auch selber leiten zu dürfen. Zur gleichen

Zeit gründete sie einen gemeinnützigen Trägerverein, suchte Geldgeber und stieß dabei

auf das Förderprogramm zur Diversifizierung. Ulrike Cohrs sagt: »Ohne den Zuschuss

vom LGLN hätte ich das alte Gebäude nicht renovieren können, und mit dem Geld aus der

Vermietung an den Kindergarten kann ich es nun in seiner Schönheit erhalten.«

Die Voraussetzung für einen Zuschuss: Man muss haupt- oder nebenberuflich

Landwirtschaft betreiben. »Und man sollte vorher ein wirtschaftliches Konzept erstellen

und sicher sein, dass es funktioniert«, sagt Iris Geisler-Berneis. Hof-Cafés, die schon nach

wenigen Jahren wieder dichtmachten, seien nicht das Ziel. Doch auch Nichtbauern können

profitieren, indem sie mit einem Landwirt zusammenarbeiten. »Wer zum Beispiel ein

Atelier oder Räume für ein Gewerbe auf dem Land sucht, könnte schauen, wo Leerstand

ist, und einen Bauern finden, der sein Gebäude umnutzen will.« Der Landwirt richtet es

dann mithilfe der Förderung her und vermietet es. Genau hier liegt Ulrike Cohrs zufolge die

größte Herausforderung: »Dass sich zwei finden, die das zusammen hinbekommen. So wie

Karin und ich.«

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