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Weihnachtsbäume und Tannenbaumschlagen in Hamburg

Weihnachtsbäume

Knollen mit Charakter

 

Auf einem Bauernhof südwestlich der Hansestadt widmet sich Landwirtin Ulrike Cohrs dem Erhalt alter Kartoffelsorten

 

Manchmal wundert sich Ulrike Cohrs über rhetorische Kampfparolen im Streit um die Kartoffelsorte Linda, die der Pflanzenzüchter Europlant gegen den Willen vieler Bauern und Verbraucher vom Markt verschwinden lassen will. Die 31jährige Landwirtin treiben ganz andere Sorgen:

Heute morgen ist der Bulle ausgebrochen und hat sich auf der Nachbarsweide einquartiert. Jetzt steht sie da in Gummistiefeln, nasser Hose und entschuldigt sich. Das Landleben bietet auch ohne Linda immer neue Überraschungen.

Obwohl sie es natürlich auch bedauern würde, wenn es Linda in zwei Jahren nicht mehr geben sollte. Ulrike Cohrs baut selbst Kartoffeln an. Südwestlich von Hamburg hat sie in 13. Generation den Wilkenshoff übernommen und sich eine Nische für die Direktvermarktung gesucht. Schon seit drei Jahren, lange vor dem Streit um Linda, widmet sie sich dem Erhalt alter Kartoffelsorten. Rund 200 gibt es insgesamt, darunter sind echte Schätze.

"Ich möchte dazu beitragen, daß alte Sorten, die sich durch unverwechselbaren Geschmack auszeichnen, erhalten bleiben", sagt die Landwirtin.

Ihr Engagement freut die Genießer: Denn unter den historischen Knollen sind wahre Delikatessen. Vor allem das Bamberger Hörnchen, eine deutsche Fingerling-Kartoffel, die es seit 1870 gibt, gilt als Köstlichkeit. "Halb aufgeschnitten, auf einem Backblech mit Olivenöl, Rosmarin und Salz im Ofen gegart, schmecken sie köstlich", schwärmt Ulrike Cohrs.

Die festkochenden Bamberger Hörnchen haben eine gelbe Schale mit rosaroten Färbungen, ausgeprägte Augen und einen nussigen Geschmack. Sie wird nur per Hand geerntet, was aufwendig und teuer ist. Das Kilo Bamberger Hörnchen kostet bei Ulrike Cohrs rund 4,50 Euro. Sie verkauft die Kartoffel auf den Ökomärkten an der Sternschanze, in Nienstedten und ab kommender Woche in Buxtehude. Am 27. und 28. August ist sie zudem auf dem Pflanzenmarkt am Kiekeberg vertreten. In Kürze soll es einen Internetshop für die Spezialitäten geben. Auf dem nach Richtlinien des ökologischen Landbaus kontrollierten Hof in Hollenstedt-Ochtmannsbruch baut sie außerdem auch Hermanns Blaue, Reichskanzler und La Ratte-Kartoffeln an. Und Linda. Das ist schließlich auch eine alte Sorte.

Hermanns Blaue sind vor allem für das Auge attraktiv: Nicht nur die Schale der großen, ovalen Knollen ist dunkel violettblau, auch das Fleisch ist blauweiß marmoriert. Als mehlig kochende Sorte eignet sie sich gut für Knödel und Püree. Mit weißer Beete, die Ulrike Cohrs auch anbaut, sei sie optisch ein Genuß. Und ihr

Farbstoff sei gesund, so die Landwirtin.

Die ovalen Reichskanzler gehören zu den unempfindlichen, alten deutschen Sorten mit roter Schale und weißem Fleisch. La Ratte hingegen ist eine alte französische Sorte, gelbfleischig und festkochend. "Diese alten Sorten sind besonders ausgeprägt im Geschmack", sagt Ulrike Cohrs. Die geschmackliche Vielfalt will sie bewahren, egal, was nun aus der Linda wird.

Auf dem Hof leben auch Bunte Bentheimer, eine alte nordwestdeutsche Schweinerasse mit hohem Fettanteil und gutem Geschmack, die nach 1960 fast von der Bildfläche verschwunden war. Daneben gibt es eine 20köpfige Mutterkuhherde von glücklichen französischen Charolais-Rindern, ihr Fleisch gibt es zur Schlachtzeit nur auf Vorbestellung.

Ulrike Cohrs weiß, daß man als Einzelner nur begrenzt viel bewirken kann. Deshalb engagiert sie sich beim Lüneburger Landgarten des Kiekeberg-Museums. Und zwecks Rettung und Vermarktung alter Obst- und Gemüsesorten hat sie sich mit dem bekannten Pomologen Eckart Brandt zusammengetan. Gemeinsam haben sie gerade mit dem Boomgarden-Verein 45 verschiedene Sorten Apfelbäume gepflanzt, Birnen waren schon vor zwei Jahren dran. Auf dem Gelände des Wilkenshoffs soll später ein lebendiges Museum entstehen, in dem bewahrt wird, was anderswo leichtfertig abgeschafft wurde.

 

Deborah Knür

 

Erschienen:

Welt am Sonntag, 14. August 2005